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Der Pfarrhof in Vierkirchen
Von Helmut Größ (Haus,Hof,Heimat 11/2011)
![]() Flurplan Nordwest XI.4 aus dem Urkataster von 1810 Aus Bayer. Vermessungsamt München. Repro: Autor |
Wie der
Pfarrhof um 1800 ausgesehen hat, wissen wir nur aus einer Inventarliste
und aus den ersten Katasterplänen aus dem Jahr 1810. Dieses Vorgängerpfarrhaus
hatte im Jahre 1686 der damalige Pfarrherr Daniel Sartor als Steinbau
errichten lassen, nachdem die hölzernen Gebäude, die davor existierten,
in die Jahre gekommen waren. 1687 und 1688 wurden auch Stall und Stadel
neu errichtet. Die Summe der Ausgaben hierfür belief sich laut Abschlussrechnung
auf 3595 fl. [II]
Dieser Bauzustand hatte wahrscheinlich bis zum Brandunglück 1834 mehr oder weniger Bestand. Unter Pfarrer Wolfgang Rohrbach fand um das Jahr 1726 eine größere Renovierung statt. |
Es gibt keine Abbildung und keinen Bauplan, aber aus einer Inventarliste aus dem Jahre 1793 ist ersichtlich, dass es sich um einen stattlichen Bau gehandelt haben muss, der nur dem Pfarrherrn, seiner Haushälterin mit Dienstboten vorbehalten war. Die übrigen Knechte und Mägde hatten eine eigene Unterkunft oder schliefen in den üblichen Kammern im Stall.
Nach dem „Verschwinden“ des Pfarrers Graf Edling (siehe HHH-Heft 10, 2010), wurde eine Liste erstellt, um Aktiva und Passiva des Pfarrhofes zu dokumentieren. Daraus geht hervor, dass es im Hofraum ein großes Pfarrhaus gab, ein Kaplanhaus, Stall und Stadel, ein Gartenhaus, ein Hühnerhaus und ein Wasch- und Backhaus. Für das Pfarrhaus wird die Ausstattung von vierzehn Räumen, Keller und Dachboden beschrieben. Es muss also ein geräumiges Gebäude gewesen sein mit Einrichtungen, wie es für die damalige Zeit in einem Pfarrhaushalt üblich war. Sogar ein Vogelkäfig mit „Canarivogl" und zwei Pistolen waren vorhanden. In den verschiedenen Stallungen standen vier Pferde, fünfundzwanzig Rinder, acht Schafe, dazu Schweine, Hühner und Enten. Nicht beschrieben wurde ein „Abtritt", wahrscheinlich stand beim Misthaufen das übliche „Häuschen mit Herz“.
So weit die Beschreibung
um 1793 beim Amtsantritt von Edlings Nachfolger, Pfarrer Michael Weilhammer.
Dieser musste die etwas heruntergekommene Ökonomie erst wieder instand sezen,
was ihm allerdings sehr schwer fiel, denn die kriegerischen Zeiten unter den
Heerzügen und Besatzungen der Truppen Napoleons kosteten viele Opfer an Geld
und Naturalien. Zudem brannte im Jahre 1802 fast das halbe Dorf Vierkirchen
ab, der Pfarrhof allerdings blieb davon verschont. Erst unter dem nächsten Pfarrer,
Markus Wankerl, der sogar ein Professor der Ökonomie war, kam der Pfarrhof wieder
in Schwung. Er war von 1804 bis 1829 in Vierkirchen tätig. Auch Pfarrer Wankerl
hat das Anwesen beschrieben [III]:
„Das Pfarrhaus besteht aus zwei Stockwerken…es
hat einen Keller, der aber wegen Wasser nicht zu gebrauchen ist.
Das Haus hat ein Schindeldach… Stall und Stadel
sind ganz von Holz."
Im Rossstall standen inzwischen sechs Pferde. Als Personal wird angegeben: Cooperator
Abraham Kristl, Joseph Miller, Provisor (Verwalter), ein Baumeister, ein 1.
und ein 2. Knecht, eine Oberdirn, eine 2. und 3. Dirn und natürlich eine Köchin.
Wankerls Nachfolger waren Franz Xaver Lutz (bis 1832) und Johann Alois Seitz,
der aber die Pfarrei nach einem Tag schon wieder verließ.
Dann kam am 7. Mai 1833 Johannes Evangelist Lohberger (geb. am 14.6.1779 in
Lam) in die Pfarrei Vierkirchen. Er war vorher Pfarrer in Affalterbach bei Pfaffenhofen.
In der Chronik der Pfarrei wird berichtet: „… ehe er sich kaum wohnlich eingerichtet
hatte, [wurde er] am 18. Oktober 1834 von einem großen Brandunglücke heimgesucht.
Wohnhaus und sämmtliche Ökonomiegebäude wurden ein Raub der Flammen und Lohberger
rettete daraus Nichts als sein Leben." [IV]
In einem dramatischen Brief Lohbergers an das Königliche Landgericht Dachau
vom 29. Okt. 1834 wird die Ursache für den Brand angedeutet: „Meine verzweiflungsvolle
Lage steigert sich mit jedem Augenblicke. Ich erwache je länger desto mehr aus
dem Schlummer des häuslichen Wohlstandes in den Zustand der äußersten Armut
in den mich ohne alles Verschulden die Nachlässigkeit irgend eines Unmenschen
gestürzt hat. …" [V]
Das lässt auf ein Unglück durch offenes Feuer oder aber sogar auf Brandstiftung
schließen. Einen sicheren Nachweis konnten auch Nachfragen im Archiv der Versicherungskammer
Bayern nicht erbringen. [VI]
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Der neue Pfarrhof Pfarrer Lohberger wohnte nun hinter der Kirche beim Bader Martin Sondermaier und widmete seine ganze Energie dem Wiederaufbau der Pfarrgebäude. In einem Zeitungsbericht vom Juni 1991 wird anlässlich einer gründliche Restaurierung des Pfarrhauses berichtet, dass es keine Pläne zu diesem Gebäude gäbe, ja, dass nicht einmal der Baumeister bekannt sei. [VII] In den Archiven
des Erzbistums München und Freising (AEM) finden sich jedoch nicht nur
Baupläne aller Gebäude, sondern auch die gesamten Rechnungen, die Architekt,
Handwerker, Handlanger und Kosten benennen. Als Baumeister wird der Dachauer
Maurermeister Joseph Hergl oder Hergel, (* 1794, † 1877, Bürgermeister
in Dachau von 1845-1851) benannt. Die Lage des neuen, teilweise auch noch
heutigen Pfarrhofes zeigt ein Plan aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
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![]() Flurkarte um 1866, Detail aus dem Bayerischen Vermessungsamt München. Repro: Autor |
Pfarrer Lohberger
war ein gründlicher und dabei sparsamer Bauherr. Der „Kostenanschlag" des
Maurermeisters Hergel vom Dezember 1834 belief sich auf 15999 fl.
[VIII], den das Bauamt München noch auf 14142 fl. herabsetzte.
Lohberger baute mit tatkräftiger Unterstützung durch die Vierkirchner mit Hand-
und Spanndiensten für nur 12100 fl. den neuen Pfarrhof auf [IX].
Sogar einen Spendenaufruf verfasste er, wie ein Ausschnitt zu einer Sammlung
zeigt [X].
Darin heißt es: „…Für den durch Brand verunglückten Pfarrer Lohberger in Vierkirchen,
Ldgchts. [Landgerichts] Dachau, und für Herstellung der Pfarrgebäude dortselbst,
sollen bei sämmtlichen Pfarrern milde Beiträge gesammelt werden. R. 15. Mai
1835…"
Zur Kostendeckung trug auch die Auszahlung der Brandversicherung bei, die sich
auf 8400 fl. belief. Auf den Wiederaufbau von Stall und Stadel soll hier nicht
näher eingegangen werden.
![]() Kontrakt zum Neubau des Pfarrhauses. Repro. Autor [XI] |
Der Neubau, den der Maurermeister Hergel entwarf, entsprach dem damaligen Zeitgeschmack, der von den Schnörkeln des Barock und Rokoko nichts mehr wissen wollte. Das Gebäude sollte im klassizistischen Stil errichtet werden, wie er in München beispielsweise von Leo Klenze oder in Berlin von Karl Friedrich Schinkel verwirklicht wurde. Als Beispiele für Bauten Klenzes seien die Walhalla bei Regensburg oder die Glyptothek in München genannt. Bei diesen Vorbildern hat sich Hergel wohl die Anregungen geholt und eine repräsentative Architektur in das Bauerndorf Vierkirchen gebracht. Pfarrer Lohberger hat mit Hergel einen Vertrag abgeschlossen, zur beiderseitigen juristischen Absicherung zu Bauwerk und Kosten. Dieser liest sich wie folgt in der Transkription: Kontrakt
zwischen titl Herrn Pfarrer Lohberger, und Maurermeister Hergl in Dachau.
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Nach dem Brandunglück mussten erst einmal die Überreste der alten Gebäude entfernt werden. Dabei hat man natürlich alles noch Brauchbare wieder verwendet. Für einen Keller und die Fundamente musste der Grund ausgehoben werden. Sicherlich waren das Arbeiten in „Hand- und Spanndienst", also Handlangertätigkeiten der ansässigen Bevölkerung. Damals war das „Ehrenamt" mehr eine Forderung als freiwillig, aber für Kirche und Seelenheil hatte man sich einzusetzen. Aus den zahlreichen Rechnungen geht hervor, wer Baumaterial lieferte und welche Handwerker aus Vierkirchen und Umgebung beteiligt waren. Die Baugenehmigung wurde im Namen „seiner Majestät des Königs" (Ludwig I.) am 27. Juni 1835 erteilt. Die wichtigsten Baustoffe waren neben Ziegeln und Balken für den Rohbau Bretter, Sand, Kalk und Gips. Neun verschiedene Ziegelbrenner in der Umgebung lieferten Mauersteine und Dachplatten, darunter auch Bartholomäus Wagner aus Esterhofen, der "Thamerl- oder Damibauer", der ca. 22000 Steine lieferte zu einem Preis von 319 fl. (siehe auch HHH Heft 1, Die Ziegelei Anton Seitz in Esterhofen). Vor allem in den Wintermonaten zwischen November 1835 und März 1836 kamen Ziegel aus Kammerberg, Ziegelberg, Viehbach, Indersdorf, Inzemoos und Niederroth nach Vierkirchen. In dieser Zeit hatten die Bauern wenig Arbeit und konnten Transportdienste leisten.
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Bauplan von Maurermeister Hergl. Repro: Autor |
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Die meisten der etwa 20 Maurer kamen natürlich aus dem Betrieb des Baumeisters Joseph Hergel aus Dachau, den Dachstuhl errichtete der Zimmermeister Michael Glas aus Indersdorf. Es wurde bei der Bezahlung unterschieden, ob Arbeiten „zu ebener Erde“ oder „über Stiegen“ zu tätigen waren. Die zahlreichen Handlanger aus der Pfarrei Vierkirchen leisteten Hilfsdienste für die verschiedenen Handwerker. Aus dem Stadtkalkofen in München wurde der benötigte Kalk angeliefert. Ebenfalls aus München kam Gips vom „Gipsmüller" Andreas Wagnmiller. Die meisten Handwerker für die anspruchsvolleren Arbeiten fand Pfarrer Lohberger in Dachau. Der Kupferschmied Xaver Blümel und sein Kollege Max Schlammer aus Dachau übernahmen Spenglerarbeiten, der Dachauer Glaser Sigmund Marger besorgte das Glas für die zahlreichen Fenster. Die Fensterstöcke und Türen kamen von Wilibald Ruf, „Kistler" in Dachau. Die „Stiegn", also die Treppen, fertigte der Zimmermeister Kirmayr aus Dachau. Metallarbeiten verrichtete neben dem Pasenbacher Leonhard Stangl auch der Vierkirchner Schmied Leonhard Englmann und der Hammerschmied aus Indersdorf, der wohl die Nägel fertigte. Als „Anstreicher ist der Maler Anton Huber genannt. Für einen „Straßburger Ofen" und einen Ökonomieofen verrechnete der Dachauer Hafnermeister Ulrich Wohlfarth 40 fl. Ein nicht unerheblicher Posten waren 88 fl. die für Kost und Bier für Maurer- und Zimmerpolier aufgewendet werden mussten.
Akribisch hat Pfarrer Lohberger alle Rechnungen und die dazugehörigen Quittungen gesammelt und eine Aufstellung der Gesamtkosten verfasst. Im Einzelnen hat er angegeben:|
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![]() Der Pfarrhof um 1933 Foto: Postkartensammlung M. Daurer |
Auch dieser Bau
wurde kurze Zeit später neu errichtet. Das Pfarrhaus blieb bei beiden Unglücken
jedoch verschont. 1897 wurde die Ökonomie unter Pfarrer Kannreuther versteigert.
Als Bautätigkeiten am Pfarrhaus sei noch erwähnt, dass 1906 erstmals Abortanlagen
als Anbau auf der Westseite eingerichtet wurden.[XV]
Bis dahin musste sich der Pfarrer wohl mit dem bewussten „Häusl" begnügen.
1911 wurde die Einrichtung einer elektrischen Beleuchtung beantragt, die dann
1914 erfolgte. 1950 zog Vierkirchens erster Landarzt Dr. Anton Roth in den Pfarrhof
ein, wo er zwei Jahre seine Praxis betrieb.
Eine grundlegende Renovierung wurde, wie schon erwähnt, 1991 durchgeführt. Heute befinden sich im Erdgeschoss das Pfarrbüro und Besprechungsräume, ein Teil der oberen Zimmer ist vermietet. Die weitere Entwicklung des Pfarrverbandes wird zeigen, wie dieses Bauwerk in Zukunft genutzt werden wird.
Fußnoten
/ Bemerkungen
I:
Topographisches Lexikon, Dr. E. Huhn, Bd. 6 1849,
S. 436.
II: AEM, Pfarrkirchen-
und Pfarrhofbautern 1665-1695 bzw. 1663-1748
III: StAMü: LRA Dachau 34285
IV: Mathias Steinberger,
Die Pfarrei Vierkirchen, 1897 S. 78
V: StAM, LRA
Dachau, Wiederaufbau der am 18. Okt. 1834 eingeäscherten Pfarrgebäude zu Vierkirchen
VI: Abteilung Publikationen
1PR02, Versicherungskammer Bayern, Maximilianstraße 53, 80530 München.
VII: Süddeutsche Zeitung vom
15./16. Juni 1991
VIII: fl. = Gulden (von mhd. guldin (pfenni(n)c/florin)
Abkürzung fl. oder f. für Fiorino, lat. florenus aureus
IX: Steinberger,
S. 79
X: Oberhirtliche
Verordnungen und allgemeine Erlasse für das Bisthum Regensburg S. 319
XI: AEM, Pfarrakten
Vierkirchen, Schachtel 6/1
XII: Steinberger S. 80
XIII: ebenda.
XIV: Als „Bauernbefreiung“ bezeichnet
man die Ablösung der persönlichen Verpflichtungen der Bauern gegenüber ihren
Grund- und Leibherren, in diesem Falle gegenüber ' der
Kirche. Siehe hierzu www.leben-auf-dem-land.de/seite-4. oder Christof Dipper:
Die Bauernbefreiung in Deutschland. 1790-1850. Kohlhammer, Stuttgart 1980
XV: Wie Bemerkung 8