zur Landkreiskarte                          


Eine Fahrt auf der neuen Eisenbahn nach Ingolstadt

Beilage zur Augsburger Postzeitung vom 27.11.1867

Kürzlich las ich in der "Augsbg.Allg.Ztg." einen Bericht über die neueröffnete Eisenbahn nach Ingolstadt, "der auch meine Lust anstachelte, sie bald zu befahren. Denn der höchst geistreiche Schreiber bemerkte, die Bahn zwischen Dachau und der Bischofsstadt Eichstädt durchziehe einen Strich des Bayerlandes, auf welchem, was Bildung und Gesittung betrifft, noch
ziemlich dicke Finsterniß liege
. Er deutet an, es herrsche da noch eine Finsterniß, die man fast mit dem Messer schneiden könne und von der neuen Eisenbahn sei zu erwarten, daß sie endlich auch Licht in diese dumpfen Regionen bringe. Er muß sich das vorgestellt haben, wie wenn man in einem lang abgeschlossenen Zimmer einen Luftzug herstellt, wodurch die ungesunde, dicke und verdummende Luft fortgeführt wird. Diesen heilsamen Luftzug sollte hier der täglich sechsmal durcheilende Eisenbahntrain bewirken, hofft der Correspondent.

Das war nun Wasser auf meine Mühle! Wir haben hier in München nämlich seit einigen Jahren besonders seit Berufung der Nordlichter und der Wirksamkeit des Volksvereins und der Neuesten Nachrichten so viel Licht, daß einem ehrlichen Bayer förmlich die Augen wehe thun. Auch der forcirte gesteigerte auf acht Jahre erhöhte Elementarschulunterricht bringt ungeheuer viel Licht unter die junge Generation. Wenn man da die kleinen Mädchen auf der Straße im Heimgehen von der Schule reden hört vom "Stickstoff, von den 68 Asteroiden, von den Irrthümern des Swedenborg" u. s. f., so wird man von diesem nie dagewesenen Lichte förmlich geblendet! Bei solchem Lichtzustande in München hat das Auge das ganze Jahr in dem Lichtmeer geschwommen.

Wie gesagt, schmachte, ich nach ein Bischen Finsterniß. So entschloss ich mich denn, die Paar Gulden daran zu geben und die interessante Fahrt zu wagen. Und zwar duldete die Sache keinen Aufschub, denn es war Gefahr, daß durch das täglich durchziehende Dampfroß immer ein Stück Finsterniß mitgenommen wird, daß allmälich Helldunkel eintritt, um dann auch in das herrliche Licht der Neuzeit ganz überzugehen. Bald wird man auch um Dachau Finsterniß suchen, aber nicht mehr finden. Es wird zu spät sein! Aber sofort zur Eisenbahn ! Die Gegend bis Dachau blickte ich heute mit Verachtung an. Sie hat ja nach obigem Nachrichten noch Münchener Licht, sle bietet nicht, was ich suchte, Auch ist diese ganze Gegend schon in einem Eisenbahnbüchlein abconterfait. Ich würdige also Nymphenburg und Moosach, Blutenburg, Pasing und die zwei Menzing kaum eines Blickes. Bei Allach, der ersten Haltstation, erinnere ich mich bloß der Wohlthätigkeitsstiftung, welche Franz Albert, Weinwirth von München und Herr auf Allach im Jahre 1778 hier gegründet.

Während wir aber am Fuße des uralten Marktes Dachau halten, das schon in ältester Zeit Sitz eines mächtigen Gaugrafen , seit 1180 im Bestze der Wittelsbacher und Lieblingstätte vieler Fürsten dieses Hauses gewesen, gedenke ich nur lächelnd, wie die Sprachwurzelforscher irregegangen, indem sie Dachau. von den Dohlen oder Dacheln herleiteten, während in den ältesten Urkunden ein Tacho, ein Mann der Gegend vorkommt, von welchem diese Au wohl den Namen hat. Auch fällt mir bei, daß das schönste Stück von Dachau, ja das einzig künstlerische, sich nicht meht in Dachau, sondern in München befindet. Jener berühmte 126 Schuh lange Saal des Schlosses da oben, das von Albrecht V. und Wilhelm V. die Gestalt bekommen, hat seinen herrlichen Holzplafond, der 6000 Reichsthaler gekostet, an das bayerische Nationalmuseum abgeben müssen und geht jetzt seinem Verfalle entgegen. Wer in Dachau nun noch irgend Anziehendes suchen wollte, außer der herrlichen Aussicht über 75 Ortschaften vom Schlosse aus, würde vergeblich den hohen Berg besteigen.

Nun geht es fort in das eigentlich gelobte Land der Finsterniß ! Wir eilen vorüber an den Pfarren und alten Adelssitzen des Amperthales, an Herbertshausen, Moching, Deutenhofen (Sprety), Weilbach (einst im Besitze der Eisenreich und Mandel, (einst des Grafen Sprety), Sigmertshausen (Törring, Seiboltsdorf, Hund, Ruffini), so wie an dem in alter (seit 1662) und neuester Zeit durch Heilthätigkeit ausgezeichneten Bade Mariabrunn, wo jetzt die Familie Hohenester waltet. Auch die Station Rõhrmoosen, Pfarrei, (Der alte Name Roragamusea klingt noch lieblicher) war ein ein Adelssitz, der unter den Grafen von Dachau stand, eben so Schönprun, das durch den berühmten Kanzler Frhrn. von Schmid, den Commentator des bayerischen Landrechtes (1695 erschien das Werk Otium bellofontantum in 3 Bd.) und Reichsverweser unter Max Emanuel weithin bekannt geworden ist, Biberbach (schon von St Corbinian's Bruder Erimbert ist die Kirche geweiht), Pfarre Vierkirchen und Pasenbach (es ist ein uralter Besitz der Barth, weßwegen ihre Wappen in der Kirche hängen.)

Bel Petershausen (Pfarrei) tritt der Bahnkörper in das Glongebiet über, und berührt wieder eine Reihe, freundlicher Ortschaften, und stattlicher Adelssitze, Marbach, Lausham, besonderst das altberühmte Reicherzhausen; mit Schloß und Pfarrkirche, wo wir wieder anhalten, dann das bekannte Ilmmünster mit seiner hochzierlichen, romanischen Kirche mit Krypta (Benedictinerkloster, gestiftet durch Otkar c. 742, im elften Jahrhundert. Chorherrnstift, im Jahr 1495 in die Frauenkirche nach München transferirt), Hettenshausen, Mitterscheyern, Reisgang, und schon, sehen wir das freundliche Pfaffenhofen an der Iim mit seinem köstlichen gothischen Thurme und entgegen winken. Die Stadt hat einen sehr klerikalen Namen, nämlich sie war ursprünglich nur ein Hof der Herren von Scheyern. Hier beginnt der gesegnete Landstrich der Holletau, welche erst im berühmten Culturhistoriker W.Riehl einen neuen eleganten Schilderer gefunden hat. ......

..... Was aber die Sittlichkeit betrifft, so sollte ein Großstädter schweigen und keinen Vergleich provociren. Obwohl die Holledau ob des bekannten Schimmeldiebstahls berüchtigt ist, das fremde Eigenthum nicht gehörig zu schonen, so geschehen doch im ganzen Gebiete, das wir genannt, in einem Jahre nicht so viel Diebstähle, als in München's gesegneter Lichtstadt, in diesem Ruspelheim, in einem Monate. Erhebend ist, was mir ein Herr, der die Gegend um Pfaffenhofen oft zu Fuß durchwandert, erzählt hat. Eine auffallende Erscheinung, sagt, ist mir immer, daß man in der Umgebung von Scheyern unter den das Feld bebauenden Leuten niemals fluchen hört. Die Klosterherren von Scheyern sollen den Leuten diesen sündhaften, häßlichen Unfug abgewöhnt haben durch ihre pastorelle Thätigkeit."
Das nenne ich eine Lichterscheinung gegenüber den Beobachtungen, welche man in München z. B. beim Vorübergehen bei einer Kaserne macht, wo gerade Rekruten abexercirt werden und wobei an einem Tage mehr Flüche aufsteigen, als Soldaten im Regimente sind.
Auch was das Geschlechtsleben betrifft, findet man hier bei mancher Ausschweifung der Jugend in der Regel ein geordnetes Familienleben, große Kinderzahl und gute Hauszucht. Es ist das ein Trost für den Freund der Menschheit, wenn er liest, wie es in andern gerühmten Mustergegenden bereits steht, wie nach dem Zeugnisse der Bavaria in manchen Gegenden der Pfalz bereits das Zweikindersystem eingeführt ist! So weit in der Sittlichkeit fortgeschrittene Gegenden sind auf dem Wege, durch eigene Schuld auszusterben, unterzugehen! Freilich, wer so weit in der Erleuchtung durchgedrungen ist, daß er, wie kürzlich Hr. Ludwig Pfau in der Augsb. Algemeinen Zeitung gethan, die Schamhaftigkeit für einen Aussatz erklärt, womit das Christenthum est die Menschheit geschlagen hat (!!), der wird die von uns gerühmte Sittlichkeit der Familien Altbayerns nicht als Lichtpunkt, sondern als Finsterniß betrachten!

Nun geht mir erst selbst ein Licht auf über jenen Reisebericht der Allgemeinen Zeitung.
Er (der geistreiche Schreiber s.o.) meint offenbar, weil das Volk dieser altbayerischen Region noch immer fest und mit Naivetät am katholischen Glauben und Leben hängt, weil es sich noch frei erhalten von der modernen sogenannten Aufklärung, die nach Schelling nur eine Ausleerung ist, vom Indifferentismus und Unglauben der Zeit, darum sitze es noch in tiefer Finsterniß und darum habe die Eisenbahn hier eine cultivirende Mission. Wir dagegen halten das, was dieser Eisenbahnfahrer für Licht hält, für schwarze Punkte im Leben der Geister, für unheimliches Dunkel, und hoffen, daß das kernhafte Volk zwischen Dachau und Ingolstadt sich vom Winde, den die neue Bahn mitbringt, nicht sein Bestes, sein Licht, sein katholisches Glauben und Lieben rauben oder nur antasten laffe. So sah ich mich bei dieser Fahrt in meiner Hoffnung getäuscht! Ich hoffte Finsterniß zu treffen und fand Licht. Aber ich bin zufrieden, denn solches Licht ist wohlthuend dem Geiste und Herzen, weil es herströnt von dem, der allein wahrhaft sagen konnte: Ich bin das Licht der Welt! Wer mir nachfolgt, wandelt nicht im Finstern.


Kirchen und Kapellen im Dachauer Land - ein virtuelles Guckloch durch die verschlossene Kirchentür

22.8.2026