zur Landkreiskarte                    Kirchen in der Gemeinde Pfaffenhofen

Kapelle der Heiligen Familie in WEITENRIED


Beschreibung


Geschichte der Kapelle

Weitenried ist alter Siedlungsraum. Schon zu römischer Zeit existierte hier einer der vier im Landkreis Dachau ausgegrabenen Gutshöfe.
(siehe Landkarte...)

Die schöne Hofkapelle wurde 1734 von Joseph Strixner auf eigene Kosten erbaut. Über dem Eingang ist eine Inschriftentafel in Form einer Kartusche angebracht, auf der auf die Stifter der Kapelle hingewiesen wird.

Text: " Diese Kapelle ist zur Ehre der heiligsten Familie Jesus, Maria und Joseph dann des heil.Apostelfürsten Petrus von Joseph Strixner, Bauer von hier und dessen Gattinn Katharina erbaut worden im Jahre 1734 zum Jubelfeste renovirt i.J. 1834, detto renovirt 1855 von A.G.M. Ren.1906 Ren.1983"

Schmidt'sche Matrikel 1738
In den Jahren 1738/40, hatte der Freisinger Kanonikus (Domherr) Schmidt alle Pfarreien der Diözese Freising besucht und in der nach ihm benannten Schmidt'schen Matrikel auch die Filialkirchen und Kapellen kurz beschrieben.
Zur "Capella filialis in Weittenriedt" bemerkte er, dass sie mit bischöflicher Genehmigung vom 3.Mai 1734 vom Bauern Josephus Strixner auf seinem Grund errichtet und ausgestattet worden sei. In der Kapelle stehe ein Altar, der " in honorem Jesu, Mariae, Joseph et S.Petri Apost.erectum", also zu Ehren der Heiligen Familie und des St.Petrus errichtet worden sei. Messgewänder waren nicht vorhanden.

Beschreibung 1874
In der Statistischen Beschreibung des Erzbistums München und Freising vom Beneficiaten an der Domkirche Anton Mayer aus dem Jahr 1874 ist auch die Kapelle von Weitenried als Filiale von Pfaffenhofen enthalten. Zu dieser Pfarrei gehörten aber nur der Strixner-Bauernhof mit der Kapelle. Die übrigen 5 Höfe des Dorfes mit 38 Bewohnern waren Pfarrangehörige von Egenburg. Über die Kapelle schreibt Mayer: Erbauungsjahr 1734. Stillos. Baupflicht die Familie Strixner in Weitenried. Patron ist der hl.Josef. Ein Altar. Stiftungen: 11 Messen. Den Meßnerdienste versieht der Eigenthümer. Vermögen: rd. 1000 Gulden.

Renovierungen sind aus den Jahren 1834, 1855, 1906, 1983 und um 2000 überliefert.

Baubeschreibung

Die zweijochige Kapelle steht beim Bauernhof der Familie Bernhard im Weiler Weitenried. Sie ist -anders als fast alle anderen Gotteshäuser- nicht nach Osten, sondern nach Westen gerichtet. Der Chor schließt halbrund. Der Bau wird durch sechs Fenster (vier rundbogige und zwei segmentbogenförmige an der Ostseite) erhellt.>Die Außenwand ist durch eine aufwändige Wandgliederung mit Pilastern im Sockel strukturiert.

Auf der Westseite, an der Apsis, steht der nur wenig aus dem Baukörper vorspringende Turm.Er ist im unteren Teil viereckig, mit schön gestalteten Doppelschallfenstern (durch Säulchen getrennt). Der obere Teil ist etwas eingezogen und achteckig. Auf ihm sitzt eine schöne Zwiebelhaube mit Kreuz. Im Turm hängen zwei kleine Glocken.

Das Portal auf der Ostseite besteht aus einer rundbogigen Brettertüre mit originalen Beschlägen aus der Bauzeit um 1734. Über dem Eingang ist eine Inschriftentafel in Form einer Kartusche angebracht, auf der auf die Stifter der Kapelle hingewiesen wird. Der Text lautet: " Diese Kapelle ist zur Ehre der heiligsten Familie Jesus, Maria und Joseph dann des heil.Apostelfürsten Petrus von Joseph Strixner, Bauer von hier und dessen Gattinn Katharina erbaut worden im Jahre 1734 zum Jubelfeste renovirt i.J. 1834, detto renovirt 1855 von A.G.M. Ren.1906 Ren.1983"

Innenausstattung

Der Innenraum besitzt eine Flachdecke, die durch profilierte Stuckrahmenfelder gegliedert ist.

Der zwei Meter breite und raumhohe Barockaltar wurde 1734 errichtet. Sein Holz ist rot, grau und blau marmoriert (= mit Marmormuster bemalt) und mit Schnitzdekor vergoldet. Die Stipes, der Altarunterbau, ist mit Holz verkleidet. Das vorwiegend in Rot gehaltene Antependium ziert ein vergoldeter Rahmen mit Mittelkreuz. Vier übers Eck gestellte, gedrehte Säulen stützen ein verkröpftes Gebälk, auf dem neben dem Auszug bauchige Ziervasen mit Festons sitzen. Der Auszug ist von Voluten flankiert. Säulen an den Altären haben nicht nur statische Aufgaben. Sie sind auch Symbol für den Zusammenhang von Oben und Unten, sie verbinden Himmel und Erde. Deshalb sind Säulenretabel wie hier in Weitenried eine beliebte Bauform.

Im Zentrum des Altars ist das 122 x 79 cm große Altargemälde (Öl auf Leinwand) angebracht. Es wurde wohl um 1734 gemalt und gehörte zur Erstausstattung der Kapelle. Das Altargemälde zeigt die wandernde Heilige Familie (sog. Heiliger Wandel) vor dem Hintergrund einer Landschaft, wie wir sie im Alpenvorland finden. Der Heilige Wandel symbolisiert das Schreiten auf dem Lebensweg und soll zu christlicher Lebensführung mahnen. Im Bild halten die Eltern das Kind an den Händen. Maria beugt ihren Kopf zu Jesus. Im Himmel sehen wir die helle Heilig-Geist-Taube schweben. Von ihr gehen Gnadenstrahlen aus, die das Haupt von Jesus leuchten lassen. Auf Gewölk lagert über der Heilig-Geist-Taube Gottvater, der seine Hände segnend ausbreitet. Engel halten angestrengt die grüne Erdkugel, das Attribut von Gottvater, dem Schöpfer des Weltalls. In der Senkrechten ergibt das Bild mit Gottvater oben, dem Heiligen Geist in der Mitte und Jesus unten eine Darstellung der Heiligsten Dreifaltigkeit.

HochaltarHochaltarSt.LeonhardSt.NepomukAltaraufsatzbild St.PetrusAltargemälde: Wanderung der Hl.FamilieHochaltar
Vergrößerung von 5 Details (Altar, Figuren) per Mousklick ins Bild
Im Auszug/Aufsatz des Altars ein Gemälde des zweiten Patrons der Kapelle, des hl. Petrus mit Buch und zwei Schlüsseln. Auch dieses Bild wurde um 1734 mit Öl auf Leinwand gemalt.
Diese beiden Himmelsschlüssel haben den Heiligen im Brauchtum zum Himmelspförtner gemacht. In der christlichen Symbolik repräsentiert der Schlüssel aber die Vollmacht, zu lösen und zu binden. Deshalb die beiden Schlüssel. Nach Matthäus 16,19 sagte Jesus zu Petrus: "Dir will ich die Schlüssel des Himmelreiches geben. Was du binden wirst auf Erden, wird gebunden sein im Himmel, und was du lösen wirst auf Erden, wird gelöst sein im Himmel". Diese Vollmacht wurde in weiterer Folge auf den Kreis der Jünger und den Klerus übertragen.

Skulpturen an den Kirchenwänden

An den Wänden stehen auf Konsolen drei Heiligenfiguren, die in späteren Jahren mit einer nicht sehr geglückten Fassung (=Bemalung) versehen wurden:

 

Die Figur des hl.Michael in weiter Gewandung mit Helm und erhobenem Schwert wurde wohl schon in der 1.Hälfte des 17.Jh geschnitzt. Es ist eine seltene Darstellung des Heiligen, die mehr an einen römischen Soldaten als an einen Erzengel erinnert.
Hinweis: Der Erzengel Michael war nach der Überlieferung häufig mit der Heilsgeschichte der Menschen verbunden. Er stürzte - schon vor Beginn der Schöpfung - den Luzifer, trieb Adam und Eva mit dem Schwert aus dem Paradies (1. Mose 3, 23 - 24) zeigte Hagar, der von Abrahams eifersüchtiger Frau Sara vertriebenen Magd, die Quelle zur Rettung ihres und ihres Sohnes Leben (1. Mose 16, 7 - 12). Michael gilt auch als einer der drei Männer, die Abraham besuchten (1. Mose 18, 1 - 16), er hinderte Abraham, den Isaak zu töten (1. Mose 22, 11 - 18) rang mit Jakob (1. Mose 32, 24 - 29) und teilte das Rote Meer beim Auszug aus Ägypten (2. Mose 14, 19 - 22). Rettend erschien er den Jünglingen im Feuerofen bei Daniel (Daniel 3, 25 - 26) und hielt Habakuk an den Haaren über die Löwengrube. Gedenktag: 29.September



 

Die Statue des hl.Johannes Nepomuk ist rd. 100 Jahre jünger; sie wurde in der Rokokozeit geschnitzt. Die Haltung der Arme des Heiligen zeigen deutlich, dass er früher ein Kruzifix hielt, eines seiner typischen Attribute.
Hinweis
:Johannes aus Pomuk, "ne Pomuk", war Ende des 14.Jh Generalvikar des Erzbischofs in Prag und machte sich wegen seines energischen Auftretens für die Rechte der Kirche beim König Wenzel unbeliebt. Der ließ ihn am 20. März 1393 gefangen nehmen, foltern, brannte ihn selbst mit Pechfackeln, ließ ihn durch die Straßen schleifen und schließlich in der Moldau ertränken. Die Legende berichtet, der eigentliche Grund sei gewesen, dass Johannes, der Beichtvater der Königin war, dem König keine Auskunft über die Sünden seiner Frau gab. Der Fundort der Leiche wurde durch eine Erscheinung von 5 Sternen geoffenbart. Sein Denkmal auf der Prager Karlsbrücke, das 1693 errichtet wurde, machte ihn zu einem der wichtigsten Brückenheiligen. Johannes wurde 1729 von Papst Benedikt XIII. heilig gesprochen; deshalb dürfte die Figur erst danach geschnitzt worden sein.

 


Auch die Figur des hl.Leonhard mit Abstab und Buch stammt aus dem 18.Jh. Hier wurden Kopf und Hände später überarbeitet.
Hinweis: Leonhard (in Bayern einer der 14 Nothelfer) lebte um das Jahr 500 als Einsiedler und später als Abt in Frankreich. Regelmäßig besuchte er die Gefangenen und erreichte für viele beim König Clodwig I. ihre Freilassung. Deshalb galt er ursprünglich als Schutzpatron derer, "die in Ketten liegen", also der Gefangenen - und der Geisteskranken, die man bis ins 18. Jahrhundert ankettete; nach der Reformation wurde er Schutzpatron der Haustiere, weil man die Ketten, mit denen er abgebildet wurde, als Viehketten deutete. In Bayern erreichte die Leonhardsverehrung im 19.Jh ihren Höhepunkt. Man nannte ihn auch den bayerischen Herrgott. Am Leonhardstag, dem 6.November werden Leonhardiritte abgehalten und Tiersegnungen vorgenommen.

Zu Maiandachten wird eine Muttergottesfigur in die Kapelle gebracht, die im Stil der sog. "Schönen Madonnen" aus der gotischen Zeit geschnitzt wurde. Sie trägt ihren nur mit Windeln bekleideten Sohn in ihren Armen. Das Jesuskind hält in der einen Hand eine silberne Weltkugel, die Rechte hat er segnend erhoben. Die junge Maria ist in Gewänder mit den traditionellen Marienfarben Blau, Rot und Gold gekleidet. Ihr langes Haar reicht weit über den Rücken herab. Das Haupt ist mit einer Königskrone geziert. Beide Figuren besitzen rote Backen und ausdrucksvolle Augen.

Opferstock
In die hintere Wand ist ein Opferstock aus eingebaut. Ob er nur aus Metall besteht oder -wie üblich- einen Holzkern hat, der von Metall umgeben wird, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls ist der Stock mit massiven Schlössern gesichert; ein Metallbügel über dem Einwurfschlitz verhindert ein Fischen nach dem Geld mit Drähten.


Kruzifix

Nicht mehr in der Kirche ist das barocke Kruzifix an der Wand. Es besaß nach einer Beschreibung aus dem ausgehenden 20.Jh. etwas derben geschnitzten Corpus mit Inkarnatsfassung (hautfarbene Bemalung).

Hans Schertl

Quelle:
Dr.Martin v.Deutinger, Die älteren Matrikeln des Bistums Freysing, 1849/50
Anton Mayer, Statistische Beschreibung des Erzbisthums München-Freising, 1874

Internetseite der Pfarrei Egenburg
Wolfgang Altmann, Neue archäologische Funde der Kelten und Römer im Dachauer Land, Amperland 1992/1

Dr.Stefan Nadler, Kunsttopographie des Erzbistums München und Freising, 1992
8 Bilder: Horst Lachmann (1), Hans Schertl (7)

Kirchen und Kapellen im Landkreis Dachau - ein virtuelles Guckloch durch die verschlossene Kirchentür

30.10.2011