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Stidl-Kapelle St.Andreas in OBERNDORF


Lage der Kapelle auf der Landkarte ...

Beschreibung

Die Ortschaft Oberndorf (Pfarrei Jarzt-Fahrenzhausen), liegt unmittelbar an der Landkreisgrenze zu Freising.

In den Urkunden der Grafen von Ebersberg taucht Oberndorf erstmals um die Jahrtausendwende auf. Nach deren Aussterben um 1045 hatten die Herren von Oberhausen bei Petershausen Besitz in Oberndorf (1080). Später wurde das Dorf auch im Jahre 1240 im Urbarium Ducatus Bajuwariae Antiquissimum angeführt.

Wahrscheinlich ist die Ortschaft noch viel älter.
Denn hier überquerte eine der beiden Römerstraßen im Landkreis Dachau die Amper. Die Straße führte von Moos a.d. Donau (bei Deggendorf) über Freising, Oberndorf, Westerndorf, Biberbach, Indersdorf, Weil, Altomünster und Irchenbrunn nach Augsburg.

Die Straße wurde unter den Kaisern Augustus (31.v.C bis 14 n.C) und Tiberius (14-37), also zu Lebzeiten Jesu gebaut. In Oberndorf wurden auch Münzen des Kaisers Antonius Pius (128-161) gefunden.


Engel über dem rechten
Seitenflügel des Altars

Um das Jahr 1500 gab es in Oberndorf schon 12 Anwesen, die u.a. dem Hochstift Freising, dem Kastenamt Dachau, der Westerndorfer und der Fahrenzhausener Kirche und den reichen Münchner Familien Ligsalz, Seuz, Würfelmacher und Kupferschmied gehörten. Die Münchner Familien als Obereigentümer von Bauernhöfen ist ein Phänomen des ausgehenden Mittelalters. Ab dem 14.Jh. haben reiche Münchner Kaufleute Landbesitz im Umland erworben, zum einen wohl als Geldanlage, zum anderen auch aus Verbundenheit mit dem Bauernstande, dem sie entstammten.


Im Dreißigjährigen Krieg dürfte auch Oberndorf schwer gelitten haben. Zwar sind keine Berichte darüber erhalten, doch Kaufbriefe aus der Zeit von 1650 zeigen, dass drei von vier verkauften Höfen Brandstätten waren.

Aus dem Jahr 1760 ist bekannt, dass die Ortschaft aus 13 Anwesen bestand. Die (Ober)Eigentümer hatten sich teilweise geändert: neue Eigentümer waren die Hofmarksherren von Haimhausen (Schrank) und Schönbrunn (Zist und Stefflhansl), der Kurfürst in München (Goribaur), Freiherr von Wilhelm (Stidl), die Kirchen von Inhausen und Jarzt. Von den bisherigen Eigentümern blieb nur das Dachauer Kastenamt übrig.

1832 hatte Oberndorf 80 Einwohner in 14 Häusern.

Kapelle
Am Ortseingang steht neben der Brücke über den Biberbach eine Kapelle, die zum etwa 100 Meter entfernten Stidl-Hof (Familie Gattinger) in Oberndorf gehört.
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts (erstmals erwähnt 1832) war aufgrund eines Gelübdes eine Kapelle direkt am Stidl-Hof erbaut worden. Vermutlich aus Platzgründen wurde diese Kapelle aber wieder abgetragen.

Die jetzige Kapelle stammt aus der Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In einen Ortsplan aus dem Jahr 1880 ist sie noch nicht eingezeichnet.

Die Kapelle gleicht in ihrem Stil (Historismus) anderen Kapellen im Landkreis, die zur gleichen Zeit errichtet worden sind. Der mit Blech ummantelte Dachreiter, der an östliche Kapellen erinnert, sitzt nicht auf der Außenmauer auf, sondern stützt sich auf das Gebälk.

Der nicht abgegrenzte Chor mit 3/8-Schluss liegt auf der Westseite des Gebäudes. Die Decke ist eingewölbt, mit Stichkappen für Fenster, Heiligenfiguren und die Lourdes-Nische.

Die Kapelle ist im neugotischen Stil des ausgehenden 19.Jh eingerichtet. Die Ausstattung ist zeitgenössisch.

Der Mittelteil des dreiflügeligen Altars wird geprägt durch eine Figur des Patrons St. Andreas, der sich mit der linken Hand auf ein nach ihm benanntes Andreas-Kreuz (Schrägbalkenkreuz) stützt. Andreas wird mit dem für ihn typischen langen, dichten Bart dargestellt.

Im linken Altarteil steht eine -etwas kleinere- Figur der hl. Magdalena (zu ihren Füßen ein Kelch); im rechten Teil eine Figur der hl. Theresia (mit Schreibfeder und Buch).

Andreas, Magdalena und Theresia waren wahrscheinlich die Vornamen der früheren Besitzer des Stidl-Hofes.

 
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Der Apostel Andreas war der Bruder des Simon Petrus und wie dieser von Beruf Fischer. Er stammte aus Bethsaida (Joh 1, 14) oder Kapernaom (Mk 1, 29). Er war der erste, den Jesus als seinen Jünger berief; zuvor war er Anhänger Johannes', des Täufers (Joh 1, 35 - 40). Nach Jesu Himmelfahrt lehrte er in Griechenland und wirkte zahlreiche Wunder. Als er die Frau des röm.Statthalters Ägeas zum Christentum bekehrte und ihr eheliche Enthaltsamkeit anriet, ließ ihn Ägeas an ein X-förmiges Kreuz binden, an dem Andreas nach zwei Tagen, an denen er weiter predigte, verstarb. Das Buch in der Hand der Figur in Oberndorf verweist auf die Verkündigung des Evangeliums hin.
Maria Magdalena ist aus der Bibel bekannt. Sie wurde Jüngerin Jesu, nachdem der sie von Besessenheit befreit hatte (Luk. 8, 2). Magdalena sorgte für Jesu Lebensunterhalt (Luk.8,3). Sie war auch bei der Kreuzigung Jesu dabei; ihr erschien Jesus nach seiner Auferstehung (Joh 20,15-17). Ob es sich bei Magdalena auch um die namenlose Sünderin handelt, die Jesus die Füße salbte (Luk 7, 37 - 38), wie die Legenden behaupten, ist ungewiss. Üblicherweise wird Magdalena mit einem Salbgefäß dargestellt.
Theresia (1515-1582) war Klosterfrau bei den Karmelitinnen und erlebte eine Reihe von Visionen. Sie setzte als Äbtissin gegen viele Anfeindungen eine Reformation des Ordens durch und gründete die unbeschuhten Karmelitinnen" mit strenger Klosterzucht. Die Schreibfeder und das Buch in den Händen der Figur in Oberndorf verweisen auf ihre Schriften "Das große Buch von der Erbarmungen Gottes", "Der Weg zur Vollkommenheit", "Die Seelenburg", ihre Autobiografie und mehr als 400 erhaltene Briefe. Diese Schriften bezeugen Teresa als Mystikerin von einer nie zuvor oder danach erreichten Tiefe des Erlebens und begründen das ihr zuerkannte Prädikat der Kirchenlehrerin.
  Die Schreibfeder (lat.Calamus=Rohr), wurde seit dem 3. Jh. v. Chr zum Schreiben verwendet. Sie bestand früher aus einem abgeschrägten Schilfrohr, dessen Spitze an der Abschrägung eingeschnitten wurde. In der gleichen Weise präparierte man mit einem Federmesser auch die später zum Schreiben verwendeten starken Kiele der Vogelfedern (lateinisch penna), meist Gänsefedern. Erst seit 150 Jahren sind Metallfedern in Gebrauch.

An der linken Seitenwand der Kapelle ist in Altarhöhe eine Figur des hl. Joseph mit dem Jesuskind angebracht. Joseph war der Vater Jesu - oder Ziehvater Jesu, da nach altchristlicher Überzeugung Jesus der Sohn Gottes ist und durch den Heiligen Geist im Schoß der Jungfrau Maria gezeugt wurde. Joseph stammte aus dem Geschlecht des Königs Davids, aus dem nach dem Zeugnis des Alten Testaments der Messias hervorgehen werde. Er lebte als Zimmermann in Nazareth.

Gegenüber an der rechten Seitenwand steht eine Figur des hl. Johannes Nepomuk. Johannes aus Pomuk, "ne Pomuk", war Ende des 14.Jh Generalvikar des Erzbischofs in Prag und machte sich wegen seines energischen Auftretens für die Rechte der Kirche beim König Wenzel unbeliebt. Der ließ ihn am 20. März 1393 gefangen nehmen, foltern, brannte ihn selbst mit Pechfackeln, ließ ihn durch die Straßen schleifen und schließlich in der Moldau ertränken. Die Legende berichtet, der eigentliche Grund sei gewesen, dass Johannes, der Beichtvater der Königin war, dem König keine Auskunft über die Sünden seiner Frau gab. Der Fundort der Leiche wurde durch eine Erscheinung von 5 Sternen geoffenbart. Sein Denkmal auf der Prager Karlsbrücke, das 1693 errichtet wurde, machte ihn zu einem der wichtigsten Brückenheiligen

In die rechte Seitenwand ist an Stelle eines Fensters eine Lourdesgrotte mit einer Mutter Gottes Figur eingelassen.

Die Kapelle wird für Gottesdienste seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts nur noch sporadisch genutzt, nachdem Nazis während des Rosenkranzgebets die Fensterscheiben zertrümmert hatten. Messen und Rosenkranzandachten werden in der nahe gelegenen Filialkirche Westerndorf abgehalten. Lediglich während der Renovierungsarbeiten an der Westerndorfer Kirche Anfang der 1970er Jahre wurde in der Kapelle der sonntägliche Rosenkranz gebetet.

Hans Schertl

Quellen:
Vierkirchen und die umliegenden Orte, Briefprotokolle des Landgerichts Dachau, Steuerbuch Nr.57 von 1671
Eisenmann/Hohn, Topo-Geographisch-Statistisches Lexicon vom Königreiche Bayern S.201, 1832
(erste Erwähnung)
Dr.Joseph Scheidl, Altstraßen im Raume von Dachau u.Fürstenfeldbruck, Amperland 1965
Friedrich Prinz, Bayerns Adel im Hochmittelalter, in ZBLG 30 (1967), S.53-117 S.64
Josef Zacherl, Oberndorf, 1973
Markus Bogner, Aus der Geschichte der Ortsteile von Haimhausen, 1974
Markus Bogner, Chronik von Haimhausen, 1991
Dr. Günther Flohrschütz, Hochmittelalteres Herrenleben im alten Amperland, Amperland 1991/2
Wolfgang Altmann, Neue archäologische Funde der Kelten und Römer im Dachauer Land, Amperland 1992/1
Dip.Ing Klaus-R.Witschel, Eine frühgeschichtliche Straße in Irchenbrunn, Amperland 2001/3
Josef Gattinger, Oberndorf, 2001

9 Bilder: Josef Gattinger (8), Hans Schertl (1)

Kirchen und Kapellen im Landkreis Dachau - ein virtuelles Guckloch durch die verschlossene Kirchentür

14.2.2012