zur Landkreiskarte                                   Kirchen in der Gem.Haimhausen


Stidl-Kapelle St.Andreas in OBERNDORF


Beschreibung

Die Ortschaft Oberndorf (Pfarrei Jarzt-Fahrenzhausen), liegt unmittelbar an der Landkreisgrenze zu Freising.

In den Urkunden der Grafen von Ebersberg taucht Oberndorf erstmals um die Jahrtausendwende auf. Nach deren Aussterben um 1045 hatten die Herren von Oberhausen bei Petershausen Besitz in Oberndorf (1080). Später wurde das Dorf auch im Jahre 1240 im Urbarium Ducatus Baiuwariae Antiquissimum angeführt.

Wahrscheinlich ist die Ortschaft noch viel älter.
Denn am westlichen Ortsrand von Oberndorf wurden Siedlungsreste und Reihengräber aus der Hallstattzeit (800-475 v.Chr.) gefunden.

Später haben hier die Römer eine wichtige Straße gebaut, die von Moos a.d. Donau (bei Deggendorf) über Freising kommend hier die Amper überquerte und mitten durch das Dorf und weiter über Westerndorf, Biberbach, Indersdorf, Weil, Altomünster und Irchenbrunn nach Augsburg führte.

Die Straße wurde unter den Kaisern Augustus (31.v.C bis 14 n.C) und Tiberius (14-37), also zu Lebzeiten Jesu gebaut. In Oberndorf wurden neben Resten militärischer Anlangen auch Münzen des Kaisers Antoninus Pius (128-161) gefunden.


Engel über dem rechten
Seitenflügel des Altars

In der Zeitschrift für Heimatforschung "Deutsche Gaue" (um 1920) hieß es zum Römerstraßenverlauf: "Unterhalb Haimhausen sei sie zur Amper gelangt. Von da führe sie auf Oberndorf, Westerndorf links liegen lassend; im Walde zwischen Biberbach und Schönbrunn nach bei Rudelzhofen und Riedenzhofen sei sie wohl recht erkennbar, doch nur kurz, denn bald unterbreche eine Mergelgrube die Straße".
Bei Ausgrabungen hat man östlich von Oberndorf eine Viereckschanze gefunden, die die römische Armee angelegt haben dürfte.

Um das Jahr 1500 gab es in Oberndorf schon 12 Anwesen, die u.a. dem Hochstift Freising, dem Kastenamt Dachau, der Westerndorfer und der Fahrenzhausener Kirche und den reichen Münchner Familien Ligsalz, Seuz, Würfelmacher und Kupferschmied gehörten. Die Münchner Familien als Obereigentümer von Bauernhöfen ist ein Phänomen des ausgehenden Mittelalters. Ab dem 14.Jh. haben reiche Münchner Kaufleute Landbesitz im Umland erworben, zum einen wohl als Geldanlage, zum anderen auch aus Verbundenheit mit dem Bauernstande, dem sie entstammten.

Im Dreißigjährigen Krieg dürfte auch Oberndorf schwer gelitten haben. Zwar sind keine Berichte darüber erhalten, doch Kaufbriefe aus der Zeit von 1650 zeigen, dass drei von vier verkauften Höfen Brandstätten waren.

Aus dem Jahr 1760 ist bekannt, dass die Ortschaft aus 13 Anwesen bestand. Die (Ober)Eigentümer hatten sich teilweise geändert: neue Eigentümer waren die Hofmarksherren von Haimhausen (Schrank) und Schönbrunn (Zist und Stefflhansl), der Kurfürst in München (Goribaur), Freiherr von Wilhelm (Stidl), die Kirchen von Inhausen und Jarzt. Von den bisherigen Eigentümern blieb nur das Dachauer Kastenamt übrig.

1832 hatte Oberndorf 80 Einwohner in 14 Häusern.
1876 waren es 81 Einwohner in 33 Gebäuden (Häuser und Städel); dazu kamen 32 Pferde und 119 Rinder
2014 lebten 146 Einwohner in Oberndorf

 

Beschreibung der Kapelle

Am Ortseingang steht neben der Brücke über den Biberbach eine Kapelle, die zum etwa 100 Meter entfernten Stidl-Hof (Familie Gattinger) in Oberndorf gehört.

Frühere Kapelle
Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war aufgrund eines Gelübdes eine Kapelle direkt am Stidl-Hof erbaut worden. Sie muss im Jahre 1832 schon bestanden haben, weil dem Topographisch-statistischem Lexikon vom Königreiche Bayern aus diesem Jahr der Eintrag zu entnehmen ist: "Oberndorf, Dorf unweit Haimhausen und Amperpettenbach, mit 14 Häusern, 80 Einwohnern, im Landgericht Dachau, 1/2 Stunde von Unterbruck."
Vermutlich aus Platzgründen wurde diese erste Kapelle aber wieder abgetragen.

Heutige Kapelle
Die jetzige Kapelle stammt aus der Zeit gegen Ende des 19. Jahrhunderts. In einen Ortsplan aus dem Jahr 1880 ist sie noch nicht eingezeichnet.

Die Kapelle gleicht in ihrem Stil (Neugotik) anderen Kapellen im Landkreis, die zur gleichen Zeit errichtet worden sind. Während die meisten dieser Kapellen wegen der Marienerscheinung in Lourdes 1858 der Muttergottes geweiht sind, hat die Kapelle in Oberndorf den hl.Andreas als Patron. Aber eine Grottennische mit Lourdesmadonna erinnert auch in Oberndorf augenfällig an die damals nur wenige Jahre zurückliegenden wundersamen Ereignisse in Lourdes.

Der mit Blech ummantelte Dachreiter, der an östliche Kapellen erinnert, sitzt nicht auf der Außenmauer auf, sondern stützt sich auf das Gebälk.

Der nicht abgegrenzte Chor mit 3/8-Schluss liegt auf der Westseite des Gebäudes. Die Decke ist eingewölbt, mit Stichkappen für Fenster, Heiligenfiguren und die Lourdes-Nische.

Die Kapelle ist im neugotischen Stil des ausgehenden 19.Jh eingerichtet. Die Ausstattung ist zeitgenössisch.

Der Mittelteil des dreiflügeligen Altars wird geprägt durch eine Figur des Patrons St. Andreas, der sich mit der linken Hand auf ein nach ihm benanntes Andreas-Kreuz (Schrägbalkenkreuz) stützt. Andreas wird mit dem für ihn typischen langen, dichten Bart dargestellt.

Im linken Altarteil steht eine -etwas kleinere- Figur der hl. Magdalena (zu ihren Füßen statt der sonst üblichen Salbbüchse ein Kelch);
im rechten Teil eine Figur der hl. Theresia (mit Schreibfeder und Buch).

Andreas, Magdalena und Theresia waren wahrscheinlich die Vornamen der früheren Besitzer des Stidl-Hofes.

 
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Der Apostel Andreas war der Bruder des Simon Petrus und wie dieser von Beruf Fischer. Er stammte aus Bethsaida (Joh 1, 14) oder Kapernaom (Mk 1, 29). Er war der erste, den Jesus als seinen Jünger berief; zuvor war er Anhänger Johannes'des Täufers (Joh 1, 35 - 40). Nach Jesu Himmelfahrt lehrte er in Griechenland und wirkte zahlreiche Wunder. Als er die Frau des röm.Statthalters Ägeas zum Christentum bekehrte und ihr eheliche Enthaltsamkeit anriet, ließ ihn Ägeas an ein X-förmiges Kreuz binden. Nach zwei Tagen, an denen er vom Kreuz aus weiter predigte, verstarb Andreas.
Das Buch in der Hand der Figur in Oberndorf verweist auf die Verkündigung des Evangeliums.

Maria Magdalena ist aus der Bibel bekannt. Sie wurde Jüngerin Jesu, nachdem der sie von Besessenheit befreit hatte (Luk. 8, 2). Magdalena sorgte für Jesu Lebensunterhalt (Luk.8,3). Sie war auch bei der Kreuzigung Jesu dabei; ihr erschien Jesus nach seiner Auferstehung (Joh 20,15-17). Ob es sich bei Magdalena auch um die namenlose Sünderin handelt, die Jesus die Füße salbte (Luk 7, 37 - 38), wie die Legenden behaupten, ist ungewiss. Üblicherweise wird Magdalena mit einem Salbgefäß dargestellt.

Theresia
(1515-1582) war Klosterfrau bei den Karmelitinnen und erlebte eine Reihe von Visionen. Sie setzte als Äbtissin gegen viele Anfeindungen eine Reformation des Ordens durch und gründete die unbeschuhten Karmelitinnen" mit strenger Klosterzucht.
Die Schreibfeder und das Buch in den Händen der Figur in Oberndorf verweisen auf ihre Schriften "Das große Buch von der Erbarmungen Gottes", "Der Weg zur Vollkommenheit", "Die Seelenburg", ihre Autobiografie und mehr als 400 erhaltene Briefe.
Diese Schriften bezeugen Teresa als Mystikerin von einer nie zuvor oder danach erreichten Tiefe des Erlebens und begründen das ihr zuerkannte Prädikat der Kirchenlehrerin.
  Die Schreibfeder (lat.Calamus=Rohr), wurde seit dem 3. Jh. v. Chr zum Schreiben verwendet. Sie bestand früher aus einem abgeschrägten Schilfrohr, dessen Spitze an der Abschrägung eingeschnitten wurde. In der gleichen Weise präparierte man mit einem Federmesser auch die später zum Schreiben verwendeten starken Kiele der Vogelfedern (lateinisch penna), meist Gänsefedern. Erst seit 150 Jahren sind Metallfedern in Gebrauch.

An der linken Seitenwand der Kapelle ist in Altarhöhe eine Figur des hl. Joseph mit dem Jesuskind angebracht. Joseph war der Vater Jesu - oder Ziehvater Jesu, da nach altchristlicher Überzeugung Jesus der Sohn Gottes ist und durch den Heiligen Geist im Schoß der Jungfrau Maria gezeugt wurde. Joseph stammte aus dem Geschlecht des Königs Davids, aus dem nach dem Zeugnis des Alten Testaments der Messias hervorgehen werde. Er lebte als Zimmermann in Nazareth.

Gegenüber an der rechten Seitenwand steht eine Figur des hl. Johannes Nepomuk. Johannes aus Pomuk, "ne Pomuk", war Ende des 14.Jh Generalvikar des Erzbischofs in Prag und machte sich beim König Wenzel wegen seines energischen Auftretens für die Rechte der Kirche unbeliebt. Der ließ ihn am 20. März 1393 gefangen nehmen, foltern, brannte ihn selbst mit Pechfackeln, ließ ihn durch die Straßen schleifen und schließlich in der Moldau ertränken. Die Legende berichtet, der eigentliche Grund sei gewesen, dass Johannes, der auch Beichtvater der Königin war, dem König keine Auskunft über die Sünden seiner Frau gegeben habe. Das 1215 eingeführte Beichtgeheimnis hat in der kath.Kirche einen hohen Stellenwert.Der Fundort der Leiche in der Moldau wurde durch eine Erscheinung von fünf Sternen geoffenbart. Nepomuk ist neben Maria der einzige Heilige, der mit Sternen geschmückt ist. Die Verehrung von Nepomuk ist zwar schon seit 1400 nachweisbar; sie war aber nicht sehr umfangreich und zudem auf Prag beschränkt. Sein Denkmal auf der Prager Karlsbrücke, das 1693 errichtet wurde, machte ihn zum Brückenheiligen. Erst als man über 300 Jahre nach seinem Tod, im Jahre 1719, bei der Öffnung des Grabes in der Prager Veitskirche die Zunge des Heiligen unverwest vorfand, hat die Verehrung an Dynamik gewonnen. Im Jahre 1721 wurde der Kult von Rom anerkannt, am 19.3.1729 folgte die Heiligsprechung durch Papst Benedikt XIII. Noch im gleichen Jahr wurde Nepomuk zum Landespatron von Bayern (18.8.1729) erklärt. Die Jesuiten förderten die Verehrung kräftig und nach kurzer Zeit stand die Nepomukfigur auf vielen Brücken und in vielen Kirchen. Nepomuk war der Modeheilige der Rokokozeit. Festtag: 16.Mai

In die rechte Seitenwand ist an Stelle eines Fensters eine Lourdesgrotte mit einer Mutter Gottes Figur eingelassen.

Die Kapelle wird für Gottesdienste seit den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts nur noch sporadisch genutzt, nachdem Nazis während des Rosenkranzgebets die Fensterscheiben zertrümmert hatten. Messen und Rosenkranzandachten werden in der nahe gelegenen Filialkirche Westerndorf abgehalten. Lediglich während der Renovierungsarbeiten an der Westerndorfer Kirche Anfang der 1970er Jahre wurde in der Kapelle der sonntägliche Rosenkranz gebetet.

Hans Schertl

Quellen:
Vierkirchen und die umliegenden Orte, Briefprotokolle des Landgerichts Dachau, Steuerbuch Nr.57 von 1671
Eisenmann/Hohn, Topo-Geographisch-Statistisches Lexicon vom Königreiche Bayern S.201, 1832 (erste Erwähnung 1832)
Vollständiges Ortschaften-Verzeichnis des Köngreichs Bayern-1876 (Statistik)
Deutsche Gaue. Zeitschrift für Heimatforschung und Heimatkunde, Kaufbeuren
Dr.Joseph Scheidl, Altstraßen im Raume von Dachau u.Fürstenfeldbruck, Amperland 1965
Friedrich Prinz, Bayerns Adel im Hochmittelalter, in ZBLG 30 (1967), S.53-117 S.64
Josef Zacherl, Oberndorf, 1973
Markus Bogner, Aus der Geschichte der Ortsteile von Haimhausen, 1974
Gemeinde Weichs, So wars bei uns, 1989 (Hinweis auf Deutsche Gaue)
Markus Bogner, Chronik von Haimhausen, 1991
Dr. Günther Flohrschütz, Hochmittelalteres Herrenleben im alten Amperland, Amperland 1991/2
Wolfgang Altmann, Neue archäologische Funde der Kelten und Römer im Dachauer Land, Amperland 1992/1
Dip.Ing Klaus-R.Witschel, Eine frühgeschichtliche Straße in Irchenbrunn, Amperland 2001/3
Josef Gattinger, Oberndorf, 2001
Klaus R.Witschel, Vor-u.frühgeschichtliche Siedlungsspuren im Umland von Röhrmoos, Röhrm.Heimatblätter 2013 (Urnengräberzeit)
Jahresstatistik 2014 über Haimhausen, Dachauer Nachrichten vom 19.1.2015

9 Bilder: Josef Gattinger (8), Hans Schertl (1)

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21.1.2015