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Wallfahrten und Kreuzgänge der Dachauer

In den alten Unterlagen wird nur selten zwischen Wallfahrten und Bittgängen bzw. Kreuzgängen unterschieden. Meist werden sie dort "processio" genannt. Bittgänge und Kreuzgänge sind adäquate Bezeichnungen für Prozessionen in die nähere Umgebung. Sie finden vorzugsweise in der Bittwoche, um das Fest Christi Himmelfahrt herum, statt. Wallfahrten hatten in der Regel eine Wallfahrtskirche zum Ziel.

Dr.Gerhard Hanke und Robert Böck haben die Wallfahrten, die die Dachauer Bürger unternahmen, erforscht und publiziert (siehe Quellen 48), 51) ).

1. Wallfahrt nach Andechs 28)

Die älteste Wallfahrt führte nach Andechs (zum großen Reliquienschatz, Heiltum genannt, darunter auch den "drei Hosten"). Jedenfalls ist sie schon 1618 in einem Schriftstück der Münchner Hofkammer beschrieben. Damals wurde sie am 23.August durchgeführt. Veranstalter war nicht die Pfarrgemeinde, sondern der Martk Dachau. In den Jahren 1632 und 1634, als Dachau zweimal von den Schweden geplündert wurde, konnten keine Kreuzgänge oder Wallfahrten durchgeführt werden. Als die Kriegsereignisse um 1635 eine Wallfahrt nach Andechs aus Sicherheitsgründen nicht mehr zuließen, pilgerten die Dachauer ersatzweise zum Kloster Taxa, zum Gnadenbild Maria Stern. Gleiches geschah 1649, als in Dachau die Pest grassierte;in den Rechnungsbüchern heißt es dazu: "wegen sterbender Läuff und uhnvermögenheit halber" wird nicht auf den heiligen Berg "gewallfahrtet", sondern zu "Unserer Lieben Frau in das Täxet". Die Wallfahrt nach Andechs wurde 1636 wieder aufgenommen; von da an fand sie alljährlich in der Kreuzwoche, um den 3.Mai herum, statt.
Die Kosten für diese Wallfahrt (rd. 8 Gulden) wurde von der Pfarrkirchenstiftung getragen; nach dem 30jährigen Krieg größtenteils von der Dachauer Marktkammer. Zu den Kosten gehörte auch die Entlohnung des begleitenden Pfarrers, meist waren es Kapläne (Gsellpriester), die dafür 2 Gulden erhielten. 1636 wurden dem begleitenden Pfarrer von Mitterndorf 3 Gulden bezahlt, "alleweilen alle Sachen gar teuer". Manchmal nahmen die Geistlichen zu Pferde an der Wallfahrt teil. Im 17.Jh. erhielten die Fahnenträger 30 Kreuzer, der Kruzifixträger 12-45 Kreuzer und der Vorsänger 2 bis 3 Gulden. Außerdem war in manchen Orten, durch die man zog, Ein- und Ausläutgeld und in Andechs selbst ein Anzündgeld für die Wallfahrtskerze zu zahlen. Denn es war üblich, eine große, prächtig geschmückte Votivkerze mitzubringen, die in Andechs im Wachsgewölbe ausgestellt wurde. Die 1718 vom Dachauer Maler Joh.Georg Hörmann für 7 Gulden im Auftrag des Marktes Dachau angefertigte Votivkerze ist noch heute in Andechs zu bewundern (mit der falschen Jahreszahl 1715). Das förderte einen Wettstreit der Wallfahrergruppen aus größeren Städten um die größte und schönste Kerze.

Ziel der Wallfahrt nach Andechs war der "Heilthumschatz". Unter diesem Begriff wurden die vielen verschiedenen Reliquien zusammengefasst. Es handelte sich dabei um die Herren-Reliquien, die die Grafen von Andechs (darunter auch der hl.Rasso) von den Kreuzzügen und Wallfahrten aus dem Heiligen Land mitgebracht hatten. Darunter waren Kreuzpartikel, Teile der Dornenkrone Christi, ein Stück vom Tischtuch des Letzten Abendmahles und viele weitere Erinnerungsstücke an das Leben und Leiden Christi. Dazu kamen noch Blut- bzw. Gregoriushostien (Dreihostienmonstranz) sowie das Brautkleid und Brustkreuz der hl.Elisabeth und ein Kopfreliquiar der hl.Hedwig. Auch ein Stück aus dem Gewand des hl.Nikolaus und das Siegeskreuz Karls des Großen gehörten zum Heilthumschatz. Die Reliquien waren in einzelne Monstranzen aufbewahrt, die den Pilgern vom Fenster der heutigen Hedwigskapelle aus einzeln gezeigt wurden (Weisung der Heilthümer). Dazu wurden unterschiedliche Gebete und Litaneien gesprochen und Lieder gesungen, je nachdem, ob es sich um das Reliquiar eines Heiligen oder eine Herrenreliquie handelte.

2. Grafrath
Auf dem Weg nach Andechs liegt Grafrath, wo die Gebeine des hl. Rasso liegen. Dort machten die Dachauer Wallfahrer regelmäßig Station, lasen eine Messe und opferten am Grab von St.Rasso. Die Marktgemeinde Dachau unterhielt dort eine große Wachskerze im Gewicht von 12 Pfund. In den Unterlagen des Markts sind immer wieder Kosten für die Kerzenerneuerungen in Grafrath erwähnt. Die Beliebtheit
 

Rasso (900-954), nach der Überlieferung 2 Meter 50 groß, war Ritter, berühmter Feldherr und unternahm einen erfolgreichen Feldzug gegen die Ungarn. Aus Dankbarkeit wallfahrtete er nach Rom und ins Heilige Land, brachte wertvolle Reliquien mit und ließ hierfür im heutigen Grafrath ein Benediktinerkloster bauen. Er trat - kinderlos geblieben - selbst als Laienbruder in dieses Kloster ein. Rasso wurde in der Klosterkirche bestattet, seine Gebeine werden heute im Glasschrein des Hochaltars aufbewahrt. Die von Rasso mitgebrachten Reliquien werden heute in Andechs am Ammersee gezeigt. Festtag: 19.Juni
Das Grab von St.Rasso war das Ziel vieler Wallfahrten, "da seine heiligen Gebeine große Wunderzeichen vollbringen Tag und Nacht ohne Unterlass an kranken Menschen, die das Grab aufsuchen", wie es in einem alten Bericht heißt.
Die Wallfahrt nach Grafrath hatte im Mittelalter und bis in die Neuzeit großen Zulauf. Aufzeichnungen der Wunder aus den Jahren 1444 bis 1728 sind erhalten mit 12.131 Einträgen. Nach der Erhebung der Gebeine 1468 wurden sie in einem Hochgrab über dem Bodengrab wieder beigesetzt. Beim Bau der heutigen Barockkirche in Grafrath 1688 bis 1695 wurde das Hochgrab wieder abgetragen, die Grabplatte auf den Boden gelegt und die Gebeine selbst auf den Hochaltar erhoben, wo sie in einem Glasschrein ruhen. Bis 1778 wurden 17.500 Gebetserhörungen auf Rassos Fürsprache dokumentiert; sie werden seit 1444 aufgezeichnet. 1867 wurden die Reliquien von den Räubern der daraufhin berühmt gewordenen Rasso-Bande entwendet, nur den Kopf ließen sie in der Kirche zurück. Die andern Gebeine nahmen sie mit und vergruben sie, nachdem sie den Schmuck abgenommen hatten, in einem Wald in der Nähe, wo sie später durch Zufall entdeckt und dann in Augsburg wieder zusammengefügt wurden. Fest: 19.Juni


3. Kloster Taxa
Als die Kriegsereignisse um 1635 eine Wallfahrt nach Andechs aus Sicherheitsgründen nicht mehr zuließen, pilgerten die Dachauer ersatzweise zum Kloster Taxa, zum Gnadenbild Maria Stern. Gleiches geschah 1649, als in Dachau die Pest grassierte;in den Rechnungsbüchern heißt es dazu: "wegen sterbender Läuff und uhnvermögenheit halber" wird nicht auf den heiligen Berg "gewallfahrtet", sondern zu "Unserer Lieben Frau in das Täxet". 1683, im Jahr der Türkenbelagerung von Wien, unternahmen sie "wegen Abwendung der Vichsucht" erneut einen Kreuzgang nach Taxa.

Ab 1695 wurde daraus eine jährliche Wallfahrt, jeweils um den 10.Juli herum. Grund war die Bitte zur Erhaltung der Feldfrüchte, Roß und Vieh. Nur 1698 (aus mir unbekannten Gründen) und 1704 (wegen des Spanischen Erbfolgekriegs) fiel sie aus. Die Wallfahrt bestand bis zum Abriss des Klosters Taxa im Jahr 1803.

Kloster Taxa
Die Wallfahrt zum Kloster Taxa war in erster Linie eine Marienwallfahrt. Doch in der Klosterkirche befand sich auch eine Kreuzreliquie, die viele Pilger anzog. Die Kirche hatte sogar beide Patrozinien: der Altarraum war St.Maria, das Kirchenschiff dem hl.Kreuz geweiht. Hauptanziehungspunkt war aber die Muttergottesfigur mit Kind, die von einer sternförmigen Aureole umgeben war. Die Wallfahrt war ja entstanden, weil 1618 ein Hühnerei mit dem Relief eines Strahlenkranzes gefunden worden war. Zudem glaubte man, darin auch noch einen Frauenkopf zu erkennen. Im 18.Jh wallfahrteten bis zu 60.000 Pilger alljährlich nach Taxa. Es war damals -noch vor Altötting- die größte Marienwallfahrt Bayerns. Die meisten kamen wegen akuter oder überstandener Krankheiten, Gefahren und Schäden aller Art. Viehseuchen sind seltener verzeichnet; zweimal ist von einer Hühnerkrankheit die Rede. "Die Wallfahrt in Taxa, so schrieb Hans Grassl, war über den Petersberg und Altomünster hinaus das eigentliche geistliche Zentrum des Dachauer Hinterlands, wirklich der Ort, an dem sich das bäuerliche und monastische Leben (Mönchsleben) am innigsten berührten". Die wohl dreischiffige Kirche mit ihren 13 Altären, war größer als die Kirche im Kloster Indersdorf.


4. Neufahrn
  
St.Wilgefortis bzw. St.Kümmernis am Kreuz

Eine weitere Wallfahrt führte -ebenfalls schon vor dem 30jährigen Krieg- nach Neufahrn bei Freising zur hl.Wilgefortis (St.Kümmernis), jeweils am Pfingstdienstag über Ottershausen und Inhausen.
St.Kümmernis war eine fiktive Heilige, die ihre Existenz einer Verwechslung verdankte. Man glaubte in einem Bildnis des gekreuzigten Christus mit Tunika eine andere Heilige zu erkennen.
Die Besonderheit von Wilgefortis war der Bart, der ihr der Legende nach gewachsen sein soll, damit sie für Männer nicht mehr attraktiv war. Als Wilgefortis wurde sie 1583/86 ins Martyrologium Romanum aufgenommen, inzwischen aber wieder gelöscht. St. Kümmernis wurde von Frauen und Männern angerufen: in Liebesangelegenheiten, bei Beziehungs-problemen, Familienzwist, Sorgen um Fruchtbarkeit in Haus und Hof oder bei Krankheiten (spezifisch Frauenkrankheiten).
Von Männern wurde sie zusätzlich bei Kriegsgefahr und Gefangenschaft um Fürbitte gebeten. Die ersten Nachweise stammen aus den Jahren 1626-29. In den Kriegs- und Pestjahren 1632, 1634 und 1649 fiel die Wallfahrt aus. In allen übrigen fast 150 Jahren bis 1786 aber gingen die Dachauer nach Neufahrn, das aber von der Besucherzahl nur ein kleiner Wallfahrtsort war. Im 18.Jh. kamen immerhin 60 Bittprozessionen im Jahr dorthin.


5. Rothschwaige und Allach
Ebenfalls jährlich und zwar am Freitag vor oder nach Pfingsten unternahm man einen Kreuzgang zum "Heiligen Kreuz im Moos" bei Allach, "zur Abwendtung allerley Suchten" wie es hieß. Der erste Kreuzgang fand am 3.Juli 1683 statt, als die Türken Wien belagerten und die Pest letztmals Bayern heimsuchte. Doch nicht diese Plagen, sondern die Bitte um Abwendung von Viehseuchen war offfizieller Anlass des Kreuzgangs. Die Prozession zog zur Rothschwaige und weiter zur Kapelle mit dem "guttätigen Kreuzbild auf dem Moos" bei Allach. Dieser Kreuzgang wurde zum festen alljährlichen Brauch. Nachdem das Kreuzbild 1794 wegen Abriss der Kapelle in die Pfarrkirche von Allach gebracht worden war, wurde die Wallfahrt geteilt: Am Pfingstdienstag nach Allach, am Freitag nach Christi Himmelfahrt in die Rothschwaige.

Rothschwaige
1803, bei der Säkularisation, wurde die Rothschwaigkapelle abgetragen. Auch der
Kreuzgang nach Allach wurde eingestellt. Dazwischen gab es in den Hungerjahren im Jahr 1771 an 19 Dienstagen "zur Erbittung einer gesegneten Ernte" und "zur Abwandlung der andauernden Hungersnot" Kreuzgänge zur Rothschwaigkapelle.


6. Mariabrunn
Der Sommer 1670 war unwirtlich; die Ernte konnten nicht eingebracht werden. Deshalb beschloss der Rat des Marktes Dachau, erstmals einen Kreuzgang nach "Moching zu Unser Lieben Frauen" zu machen. Das war die neu gebaute Kapelle in Mariabrunn, die im gleichen Jahr fertiggestellt worden war. Acht Jahre vorher war dort ein wundertätiger Brunnen entdeckt worden. In den folgenden Jahrzehnten entwickelte sich daraus ein Wallfahrtsort und ein großes Heilbad. Die Dachauer gingen jedenfalls in den Jahren 1693-1698 sechsmal hierher, zur Abwendung der "Hochgewitter" hieß es. In dieser Zeit herrschte große Kälte (Bodensee zugefroren) und große Hungersnot in ganz Europa. Der Kreuzgang wurde seit 1737 am Magdalenentag -22.Juli- durchgeführt.

6. Inchenhofen
Der erste Kreuzgang der Dachauer nach Inchenhofen wurde erst spät, 1753, durchgeführt, und zwar aufgrund eines Gelöbnisses der Dachauer Bürgergemeinde anlässlich einer grassierenden Viehseuche. Man zog mit einer großen Wachskerze im Wert von 6 Gulden zu St.Leonhard. Im weiteren zeitlichen Verlauf Inchenhofen nur bei entsprechenden Anlässen abgehalten. 1753 war dies eine grassierende Viehseuche, 1766 "eine leidige Seuche unter dem Hornvieh", 1780 die Tierseuche "gelber Schelm" unter Rössern und Hornvieh in den Nachbargemeinden. Der Kreuzgang sollte ein Übergreifen der Seuche auf Dachau verhindern. Damals wurde auch vereinbart, dass die Wallfahrt künftig in dreijährigem Turnus stattfinden sollte. In den Jahren dazwischen wollte man nach Sigmertshausen und Webling gehen. Das wurde nur noch kurze Zeit verwirklicht. Nach 1804 ist kein Kreuzgang nach Inchenhofen mehr bekannt.
  Hinweis: Die Wallfahrt zum hl. Leonhard in Inchenhofen gilt als älteste und wichtigste Leonhards-Wallfahrt in Deutschland. .Der Aufschwung begann, als 1283 das Kloster Fürstenfeld die bis dahin noch unbedeutende Wallfahrt in der kleinen Kapelle übernahmen. Sie verhalfen ihr binnen weniger Jahrzehnte zur höchster Blüte. Die Wallfahrt selbst geht auf ein Wunder zurück: 1256 sollen Soldaten Votivgaben in der St.Leonhardskapelle gestohlen haben und daraufhin schwachsinnig geworden sein. St.Leonhard war bis dahin ein nur an wenigen Stellen verehrter französischer Heiliger, der als Patron der Gefangenen und der (damals ebenfalls angeketteten ) Geisteskranken um Hilfe angerufen wurde. Seine große Bedeutung als Bauernheiliger erhielt er erst im 16.Jh., als die Ketten, mit denen er abgebildet war, als Viehketten missdeutet/umgedeutet wurden. Diese Patronatserweiterung gab der Wallfahrt in Inchenhofen noch einen großen Schub.  Bis 1803 unternahmen 167 Pfarreien eine alljährliche Wallfahrt nach Inchenhofen. Heute kommen aus etwa 60 Orten die Wallfahrergruppen, meist zu Fuß, nach "Leachad" , wie Inhenhofen auch genannt wird. Dabei ist nach wie vor der größte Wallfahrtstag des ganzen Jahres der Pfingstmontag, an dem zugleich das Hauptfest der 1659 vom Papst Alexander VII. genehmigten Erzbruderschaft des hl. Leonhard gefeiert wird.


7. Münchner Frauenkirche
Noch später begann der Keuzgang nach München zur Frauenkirche, die damals noch nicht Dom war, sondern Stifts- und Pfarrkirche zu Unserer Lieben Frau. Dort war nicht Maria das Ziel der Wallfahrt, sondern die Gebeine des hl.Benno, des Stadtpatrons.
Die Dachauer nahmen am 18.Juni 1780 am "St.Benno Translations Jubelfest" teil. 200 Jahre vorher waren die Gebeine Bennos feierlich die Frauenkirche überführt worden.
Benno war von 1066 bis 1106 Bischof von Meißen, also zur Zeit des Investiturstreits. In diese Zeit fällt der berühmte Gang von König Heinrich IV. nach Cannossa. Benno wurde in den Streit zwischen Kaiser und Papst hineingezogen, wurde mehrfach abgesetzt, exkommunziert und wieder eingesetzt. Als er 94jährig starb, hat man ihn im Dom zu Meißen bestattet. 400 Jahre später wurde er am 31. Mai 1523 durch Papst Hadrian VI. als "Apostel der Wenden" heilig gesprochen. Luther sah darin den Versuch, der Ausbreitung der Reformation in Sachsen entgegenzuwirken, und schrieb die Streitschrift "Wider den Abgott und Teufel, der zu Meißen soll erhoben werden". 1539 wurde die Reformation in Sachsen eingeführt. Bennos Grab wurde aufgebrochen. Seine Gebeine sollten in die Elbe geworfen werden; doch man hatte sie angeblich bereits vorher aus dem Sarg entfernt. Mit einem Echtheitszertifikat versehen wurden sie 1576 nach Bayern überführt und 1580 in der Frauenkirche in München beigesetzt.


Der Kreuzgang der Dachauer an dieser 200-Jahres-Feier in München wurde etwas getrübt vom Verhalten des Chefs der Mission. Der Dachauer Marktschreiber Ignaz Steyrer berichtet dazu in der Marktkammerrechnung, Pfarrer Franz Felix Sigler habe sich nicht nur alle religiösen Verrichtungen während der Wallfahrt, sondern auch die weit überhöhten Lebenshaltungs- und Bekleidungskosten in München bezahlen lassen. Er schreibt: ... er "habe sich, um sich allenthalben im Glanz und als ein äusserlicher Seelen-Eyferer zu zeigen, so kostbar angerichtet, daß man wahrhaftig nicht zur Ehre unseres großen heil. Benno, sondern lediglich, damit der Sigler, mit einem ganz Ornat-Goldstück angethan, seinen Hoffahrtsgeist erlustigen nkonnte; wie er dann von eitler Aufgeblasenheit strotzend, den Sitz nach schon geschehener Absingung des Hymnus gloria noch nicht verlassen wollte, sondern zum endlichen Aufstehen gemahnt werden musste".
Daraufhin hat man in Dachau die vom Markt zu tragenden Kosten begrenzt: bei künftigen Kreuzgängen nach München sollte der Herr Pfarrer nur 3 Gulden bekommen und auch das nur unter der Bedingung, dass er oder sein Vertreter sich nicht von der Wallfahrt entfernt und in der Münchner Frauenkirche das Messopfer für die Kreuzgänger feiert. Die Mesnerfamilie sollte für das Aus- und Einläuten der Wallfahrer bei Weggang und Rückkehr 36 kr, für das Begleiten des Kreuzgangs 1 Gulden erhalten. Auch für Schullehrer und Kruzifixträger waren je 1 Gulden vorgesehen, für den Fahnenträger 1 Gulden 30 Kreuzer, den Vorgeher 36 Kreuzer und schließlich als Spende für den Opferstock in München ebenfalls 36 Kreuzer.


8. Weitere Wallfahrten bzw. Kreuzgänge

Weitere Wallfahrten bzw. Kreuzgänge wurden nur sporadisch organisiert oder bestanden nur für kurze Zeit. Zum Beispiel nach Etzenhausen (am Markustag 25.April) und Günding, Mitterndorf, Bergkirchen, Sickertshofen, Schönbrunn (St.Katharinen-Kirche), Weyhern, Puch (am Bennofest 16.Juni), Niederroth, Kreuzholzhausen (am Kreuzauffindungstag 3.Mai und am Kreuzerhöhungstag 14.Sept.), Prittlbach, Mitterndorf, Altomünster und Aufkirchen. Im Kriegsjahr 1704 unternahm die Bürgerschaft eine Extrawallfahrt nach München in die Theatinerkirche zum hl.Kajetan, damit "die schon allgemach herbeynahente feindtliche Einfähl, Sengen und Prennen von unserm Markht und Gegent mechte gnediglich abgewendt" werden. Im Hungerjahr 1772 zog man nach Webling und legte dort einen Gulden in den Opferstock ein.
Die Rosenkranzbruderschaft ging nach Ampermoching (1644) und nach Indersdorf (1671). Lange Zeit war die Franziskus-Klause in Schleißheim das Ziel am 2.August, dem Portiunkulafest. Besonders prunkvoll war die Wallfahrt nach Maria-Hilf in der Au nach dem 30jährigen Krieg. 48)


10.Einzelwallfahrten

Auch über Einzelwallfahrten zu entfernten Zielen gibt es ein paar Aufzeichnungen, weil die Wallfahrer dazu einen Pass benötigten. So wallfahrtete der Bäckermeister Paul Reißer 1775 nach Rom und der Hufschmiedsohn Joh.Wimmer nach Maria Einsiedeln in der Schweiz.


Ende der Kreuzgänge
In der Zeit der Aufklärung, gegen Ende des 18.Jh., nahm die Zahl der Wallfahrer ab. Im Jahr 1800 beklagte sich der Dachauer Pfarrer Joseph Stöger, dass sich fast nur Kinder und junge Leute beteiligten, nicht aber Hausväter. Das Kloster Andechs habe sich geweigert, die Marktfuhre, die die Prozession begleitete, über Nacht zu behalten. Der Magistrat beschloss deshalb am 25.April 1800, den Kreuzgang nach Andechs einzustellen. Die Wallfahrt war nun Privatsache. Lediglich das Aus- und Heimläuten wurde den Wallfahrern zugestanden.
Am 4.12.1801 bestimmte ein landesherrliches Generalmandat, dass neben Kirchweihen, Patroziniumsfesten auch Kreuzgänge, Wallfahrten und Prozessionen nur noch an Sonn- und Feiertagen stattfinden dürften. Für Kreuzgänge an entferntere Orte musste sogar eine landesherrliche Genehmigung eingeholt werden.

Quellen:
48) Dr.Gerhard Hanke, Die Wallfahrten und Kreuzgänge der Marktgemeinde Dachau, Amperland 1989 (Wallfahrt)
28) Josef Mass, Geschichte des Erzbistums München und Freising, 1986 (Wallfahrt Andechs)
51) Robert Böck, Wallfahrt im Dachauer Land, Bd. 7 der Kulturgeschichte des Dachauer Landes 1991
Josef Bogner, Wallfahrtskirchen im Landkreis Freising, Amperland 1987
Angelika Petitini, Leonhardsverehrung u. Wallfahrt in Inchenhofen, Augsburger Volkskundliche Nachrichten, 1995, Heft Nr.2